Gustavos Reise

Street Dogs of Casablanca: Fotografie, Narrativ, Verantwortung

Ein journalistisch-visuelles Experiment über Glaubwürdigkeit, Nähe und Verantwortung des Bildes im Zeitalter generativer KI

Fotografie, KI und die Frage nach Glaubwürdigkeit


Gustavos Reise ist ein journalistisch-visuelles Projekt, das untersucht, wie Bilder Vertrauen erzeugen – und verlieren können. Ausgangspunkt ist die dokumentarische Begleitung eines geretteten marokkanischen Straßenhundes und der bewusste Vergleich zwischen fotografischer Arbeit und KI-generierten Bildern.

Das Projekt stellt nicht die technische Leistungsfähigkeit von KI in den Vordergrund, sondern die Frage nach Verantwortung: Welche Bilder schaffen Nähe? Welche erzeugen Glaubwürdigkeit? Und was verändert sich, wenn visuelle Zeugenschaft durch generierte Bilder ersetzt wird?

⸺ Ausgangspunkt

Ausgangspunkt des Projekts war eine Recherche für das journalistische Projekt Operation CultShare zur Situation marokkanischer Straßenhunde im Kontext der Fußball-WM 2030. Während der Arbeit vor Ort entstand eine enge Beziehung zu einzelnen Akteur:innen der Tierschutzarbeit – und zu Gustavo, einem jungen Hund, der durch privates Engagement gerettet werden konnte.

Parallel dazu stellte sich die Frage, wie diese Realität visuell erzählt werden kann. Nicht als Illustration, sondern als dokumentierte Erfahrung. Die Kamera wurde dabei nicht als ästhetisches Werkzeug verstanden, sondern als Mittel der Zeugenschaft.

⸺ Kontext

Generative KI verändert derzeit grundlegend, wie visuelle Inhalte produziert werden. Bilder können schnell, günstig und in großer Menge erzeugt werden – ohne vor Ort zu sein, ohne Beziehung, ohne Risiko. Für journalistische und dokumentarische Kontexte wirft dies neue Fragen auf: Wie lässt sich Glaubwürdigkeit sichern? Welche Rolle spielen Bilder als Beweis, nicht nur als Stimmungsträger?

Im Informationsökosystem digitaler Plattformen verschwimmen Realität und Simulation zunehmend. Gerade dort, wo es um verletzliche Subjekte, politische Verantwortung und menschliches Leid geht, wird die Frage nach der Herkunft eines Bildes zu einer ethischen Entscheidung.

⸺ Entscheidung & Gestaltung

Vor diesem Hintergrund entschied ich mich, das Projekt in zwei visuellen Fassungen zu veröffentlichen:
eine Version mit selbst aufgenommenen Fotografien und eine Version mit KI-generierten Bildern. Beide erzählten dieselbe Geschichte – bewusst mit unterschiedlichen ästhetischen Mitteln.

Die Reaktionen der Leser:innen wurden Teil des Projekts. Sie machten sichtbar, dass fotografische Bilder weiterhin als Qualitätssignal fungieren: als Beweis für Realität, als Grundlage für Empathie, als Voraussetzung für Vertrauen. KI-Bilder hingegen wurden als ästhetisch, aber distanziert wahrgenommen.

Das Projekt versteht diese Differenz nicht als technisches Defizit der KI, sondern als Hinweis auf die Bedeutung von Nähe, Verantwortung und physischer Präsenz im journalistischen Arbeiten.

Ausgewählte Beiträge aus dem Projekt

Die folgenden Beiträge bilden den publizistischen Kern von Gustavos Reise. Sie dokumentieren die journalistische Recherche, die visuelle Arbeit sowie das begleitende Experiment zur Wahrnehmung von KI-generierten Bildern. Die Texte und Bildstrecken sind bewusst nicht zusammengeführt, sondern in unterschiedlichen Fassungen veröffentlicht worden, um Vergleichbarkeit und Reibung zu ermöglichen.

Helen, die sich hier mit mir vorstellt, unterstütze meine Arbeit bei der Recherche und den Diskussionsanteil auf Sozialen Medien.

Ablauf des Projekts

1. Journalistischer AusgangspunktDas Projekt begann mit einer journalistischen Recherche zur Situation marokkanischer Straßenhunde im Vorfeld der Fußball-WM 2030. Ziel war es, politische Maßnahmen, staatliche Programme und zivilgesellschaftliche Reaktionen zu verstehen und journalistisch einzuordnen. Die Recherche bildete die inhaltliche Grundlage für alle weiteren Entscheidungen des Projekts. Helen unterstütze meine Recherche, und half mir bei der Umsetzung und Moderation der Diskussionen auf Sozialen Medien.

2. Einarbeitung und BegegnungIm Zuge der intensiven Einarbeitung in die Thematik entstand Kontakt zu einzelnen Akteur:innen der Tierschutzarbeit. In diesem Zusammenhang lernte ich Gustavo kennen, einen jungen Straßenhund, der durch privates Engagement gerettet werden konnte. Seine Geschichte ergab sich nicht aus einer geplanten Dramaturgie, sondern aus der Auseinandersetzung mit konkreten Lebensrealitäten, die im Rahmen der Recherche sichtbar wurden.

3. Entscheidung für visuelle ZeugenschaftFrüh stellte sich die Frage, wie sich diese Realität visuell erzählen lässt. Ich entschied mich bewusst für fotografische Arbeit. Die Kamera diente dabei nicht der Illustration, sondern der Dokumentation. Sie sollte Nähe ermöglichen, ohne zu inszenieren, und Realität sichtbar machen, ohne sie zu glätten.

4. Auseinandersetzung mit generativer KIParallel zur fotografischen Arbeit setzte ich mich mit der Frage auseinander, wie der Einsatz generativer KI die visuelle Darstellung journalistischer Inhalte verändert. In diesem Zusammenhang belegte ich unter anderem das Seminar Generative Zukunftsvisionen im Studiengang Leadership in Digitaler Innovation bei Karin Bjerregaard Schlüter.Im Zusammenspiel mit dem Projekt stellte sich für mich zunehmend die Frage, wie sich Glaubwürdigkeit, Nähe und Vertrauen verschieben, wenn dokumentarische Bilder durch generierte ersetzt werden. Diese Frage nicht nur theoretisch zu diskutieren, sondern praktisch zu erproben, wurde zu einem weiteren Anspruch des Projekts Beldi.

5. Umsetzung des visuellen VergleichsDer zentrale Recherchebeitrag erschien deshalb in zwei Fassungen: einmal mit eigenen Fotografien, einmal mit KI-generierten Bildern. Text, Struktur und inhaltliche Aussage blieben identisch. Die visuelle Ebene wurde bewusst zum einzigen Unterscheidungsmerkmal, um einen direkten Vergleich zu ermöglichen.

6. Rezeption und AuswertungGemeinsam mit Helen wertete ich die Reaktionen der Leser:innen aus und reflektierte sie. Dabei zeigte sich deutlich, dass fotografische Bilder als Qualitätssignal wahrgenommen wurden: als Beleg für Realität, als Grundlage für Vertrauen und als Voraussetzung für emotionale Nähe. KI-generierte Bilder beschrieben viele hingegen als ästhetisch, aber distanzierter.

7. Einordnung und ErkenntnisgewinnDas Projekt machte sichtbar, dass generative KI derzeit nicht dieselbe Rolle erfüllen kann wie dokumentarische Fotografie  zumindest dort, wo es um Glaubwürdigkeit, Nähe und journalistische Verantwortung geht. Diese Erkenntnis versteht sich nicht als abschließendes Urteil, sondern als Beitrag zu einer offenen Debatte über den verantwortungsvollen Einsatz visueller Technologien.

Gedanken

Die Arbeit an Gustavos Reise konnte meinen Blick auf visuelle Verantwortung im Journalismus schärfen. Der direkte Vergleich zwischen dokumentarischer Fotografie und KI-generierten Bildern machte mir deutlich, dass Bilder nicht nur Informationen transportieren, sondern Vertrauen herstellen – oder unterlaufen können. Glaubwürdigkeit entsteht dabei weniger durch ästhetische Qualität als durch die Wahrnehmbarkeit von Nähe, Kontext und Zeugenschaft.

Das Projekt machte deutlich, das zeigten die zahlreichen Rückmeldungen, dass generative KI derzeit vor allem dort an Grenzen stößt, wo Bilder mehr leisten sollen als Illustration.

Fotografien fungieren in diesem Zusammenhang nicht nur als visuelle Ergänzung eines Textes, sondern als Beleg für Realität und Erfahrung. KI-Bilder hingegen verschieben den Fokus stärker auf Stimmung und Narration. Diese Differenz ist kein technisches Defizit, sondern verweist auf unterschiedliche Rollen von Bildern im journalistischen Arbeiten.

Die Auseinandersetzung mit diesen Unterschieden hat mein Verständnis von Verantwortung im Umgang mit visuellen Technologien vertieft. Sie liegt nicht allein in der Wahl des Mediums, sondern in der bewussten Entscheidung, wann Nähe notwendig ist – und wann Distanz problematisch wird.

Das Reale & das Illustrierte

Fotografie wird hier zur Verpflichtung, nicht zur Illustration.

Bezug & Beziehung

Zwischen Bild und Beziehung entscheidet sich, was Sichtbarkeit bedeutet.

AusblickGustavos Reise versteht sich nicht als abgeschlossenes Experiment, sondern als Ausgangspunkt für eine weiterführende Auseinandersetzung mit visueller Glaubwürdigkeit im digitalen Raum. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen in zukünftige journalistische und gestalterische Projekte einfließen, insbesondere dort, wo KI-gestützte Bildproduktion zunehmend an Bedeutung gewinnt.Geplant ist, vergleichbare Formate weiterzuentwickeln und die Frage nach Verantwortung, Transparenz und Nähe auch in anderen Kontexten zu untersuchen. Dabei bleibt das zentrale Anliegen bestehen: den Einsatz neuer Technologien nicht isoliert zu bewerten, sondern stets in Relation zu ihrem Einfluss auf Vertrauen, Wahrnehmung und öffentliche Kommunikation zu betrachten.

Zum Fazit: KI-Bilder versus echte Fotos auf Operation CultShare

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