Es ist zu befürchten, dass wer in einem digitalen System nach Verantwortung sucht, mit zunehmender Tendenz meistens nur die Stelle findet, an der sie zuletzt weitergereicht wurde. Sie liegt irgendwo zwischen dem Interface und dem Prozess dahinter, zwischen dem Team, das irgendeine Kennzahl definiert hat, und dem, das sie am Montagmorgen liest. Je komplexer das System, desto bequemer der Reflex, sie weiterzugeben. Doch Daten entscheiden nicht, zumindest nicht ohne ihre menschlichen Helferlein. Trotzdem hält sich bei den potentiellen Gestalterinnen oft die Vorstellung, Verantwortung ließe sich auslagern. Auslagern an einen Prozess, an ein Modell, einsperren und dem menschlichen Faktor entzogen auf einem Dashboard ausbreiten. Wo das passiert, schrumpft Führung auf Steuerung. Statt Gestaltung reduziert sich menschliche Handlungskraft auf Optimierung.

Irritation

Die Verschiebung zeigt sich in gewöhnlichen Situationen. Eine Analyse liegt vor, die Zahlen sind sauber aufbereitet, das Dashboard färbt drei Kacheln grün und eine rot. „Gelb hieße ja: Wir wissen es nicht. Wir haben nur eine Farbe dafür gefunden.“ Die Runde diskutiert dann die rote Kachel. Niemand fragt, wer entschieden hat, dass diese vier Zahlen auf dem Screen stehen und vierzig andere nicht.

Ich habe das oft in Dienstplänen in Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten gesehen. Das System, meist eine Software, deren Funktionen sich auch der Hälfte der langjährigen Mitarbeitenden in der kaufmännischen Verwaltung nicht ganz erschließen, füllte den Monat automatisch: Qualifikationen geprüft, alle auf ihren Positionen, morgens die Runde im Auto oder auf der Station besetzt, Ruhezeiten laut System eingehalten, Wochenenden recht gleichmäßig verteilt. Eine Pflegehelferin fragte, warum sie zum dritten Mal hintereinander am Wochenende stand. Die Wohnbereichsleitung sagte, das verteile das System, das sei doch fair. Niemand im Team oder im Haus konnte erklären, was fair in dieser Rechnung heißt und ob Wunschdienste vor oder nach der Ruhezeitprüfung greifen. Der Plan ging raus wie jeden Monat. Drei Monate später hat sie gekündigt.

Je länger die Kette zwischen Erhebung und Entscheidung, desto größer die Distanz zwischen Entscheidung und Verantwortung. Systeme liefern Einschätzungen, Interfaces sortieren, was zuerst bearbeitet wird. Damit entscheiden sie mit, worauf wir unsere Lebenszeit verwenden. Niemand entscheidet das allein, und niemand trägt es allein.

Die Reibung, die daraus entsteht, gehört zum System. Entscheidungen fallen unter Unsicherheit, das war immer so. Neu ist, dass der Verweis auf Daten die Auseinandersetzung mit den Folgen ersetzt. Wer sagt, die Zahlen seien eindeutig, muss nicht mehr sagen, was er selbst für richtig hält.

Das widerspricht dem Versprechen, mit dem digitale Systeme antreten. Statt Klarheit erzeugen viele von ihnen neue Undurchsichtigkeit: Trainingsdaten liegen in fremden Rechenzentren, Entscheidungslogiken sind von außen nicht überprüfbar. Verantwortung wird technisch verteilt und politisch entzogen. Führung, die sich unter diesen Bedingungen nicht selbst definiert hat, versteckt sich hinter Systemen, die scheinbar objektiv entscheiden.

Gestaltung ist eine Führungsentscheidung

Gestaltung ist nie neutral. Interfaces, Datenstrukturen und die Entscheidungslogiken dahinter sind Setzungen von Menschen. Sie legen fest, was Aufmerksamkeit bekommt und was unbeachtet bleibt. Wer gestaltet, bestimmt mit, welche Handlungsmöglichkeiten sichtbar werden und wo Verantwortung verankert liegt. Das ist Führungsarbeit, auch wenn sie im Ticketsystem stattfindet und niemand sie so nennt.

In komplexen Organisationen wandert Führung von Personen zu Systemen. Prozesse übernehmen Koordination, lange die Kerndomäne des Managements. Das entlastet spürbar. Es entzieht aber auch Handlungsräume, weil eine Entscheidung, die ein Workflow trifft, keine Diskussion mehr auslöst. Verantwortung verschwindet dabei nicht, sie zieht in die Struktur um.

Führung besteht heute weniger darin, einzelne Entscheidungen zu treffen. Sie besteht darin, die Bedingungen zu bauen, unter denen entschieden wird. Daraus entsteht eine Verantwortung, die sich schlecht delegieren lässt: die Frage, welche Annahmen in einem System stecken und welche Erzählung es verstärkt. Digitale Innovation ist damit eine Haltungsfrage, weil sie normative Folgen hat, ob man sie mitdenkt oder nicht.

Einfacher wird es dadurch nicht. Wo Gestaltung zur reinen Effizienzfrage wird, verengt sich Führung auf Verwaltung, im Worst Case aufs alltägliche Wegdelegieren.

Haltung bewahren unter Ungewissheit

Meine Aufgabe sehe ich darin, Räume zu schaffen, in denen Komplexität sichtbar und verhandelbar bleibt. Unsicherheiten verschwinden dort nicht, sie werden bearbeitbar. Entscheidungen fallen trotzdem, bei unvollständiger Informationslage und mit widersprüchlichen Signalen.

Deshalb wird Gestaltung zu einer Form von Haltung. An der Art, wie ein Interface aufgebaut ist und wie ein Prozess geschnitten wird, lässt sich ablesen, ob Verantwortung im System vergraben liegt oder ansprechbar bleibt. Diese Haltung ist fragil und manchmal anstrengend. Sie richtet sich nie gegen digitale Innovation, im Gegenteil: Sie nimmt sie ernst genug, um nach ihren Wirkungen zu fragen.

Meine Arbeit bewegt sich zwischen der Analyse dessen, was ist, und dem Bau dessen, was ich für richtig halte. Die Analyse macht die Verschiebungen sichtbar. Die Gestaltung entscheidet, ob ich sie wiederhole.

Offen bleiben

Digitale Innovation hat keinen endgültigen Zustand, ihr Optimum ist ein flüchtiger Zwischenstand. Und dieser braucht Updates, und mit jedem Update wandert die Verantwortung ein Stück weiter. Führung und Gestaltung bleiben deshalb immer vorläufig. Die eigentliche Schwierigkeit liegt im Umgang mit dieser Unabgeschlossenheit: Verantwortung lässt sich nicht einmal festschreiben und dann ablegen, sie muss immer wieder neu ausgehandelt werden.

Leadership ist in diesem Verständnis eine Praxis: hinschauen, und sichtbar machen, wo eine Entscheidung fällt und wo Verantwortung anfängt. Und das ist unspektakulär und kommt in wenigen Keynotes vor. Packen wir es an, denn die Arbeit steht trotzdem an, meistens im Ticketsystem.

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